Unkraut statt Orchideen – Maria Birkmeir über ihre Erfahrungen mit der Arbeitssuche nach einem „Orchideenstudium“

Über die Gastautorin

Maria Birkmeir hat in Eichstätt Europastudien und Journalistik studiert. Nach ihrem Masterabschluss in “Interkultureller Kommunikation” an der LMU hat sie begonnen, beim “Pädagogischen Austauschdienst” (PAD) in Bonn zu arbeiten. Nebenbei schreibt sie weiterhin für ihren Blog “Mexiko verstehen”

https://mexikoverstehen.wordpress.com/


Unkraut statt Orchideen

Maria Birkmeir über ihre Erfahrungen mit der Arbeitssuche nach einem „Orchideenstudium“

Die Arbeitssuche nach meinem Masterstudium war für mich ein Schlag in die Magengrube. Wie wohl für fast alle von uns, die wir eine sogenannte „Geisteswissenschaft“ studiert haben. Die Phase zwischen Abschluss und Start ins Arbeitsleben war eine Art postpubertäre Sinn- und Identitätskrise, in der ich nach und nach die abstrusesten Überlegungen anstellte: Meine alten Uni-Reader mitsamt allem Hab und Gut zu verbrennen und mich in die Wildnis absetzen. Doch noch eine Steinmetzlehre beginnen. Lotto spielen. In ein Kloster eintreten. Jede absurde Idee, die mich aus dem Elend zwischen Jobportalen, Motivationsschreiben, Vorstellungsgesprächen und Absagen retten könnte schien eine Überlegung wert. Alles, was ich in mehr als sieben Jahren Studium gelesen, geschrieben, erlebt und gelernt hatte, erschien mir dagegen auf einmal völlig irrelevant für den Arbeitsmarkt und somit ökonomisch betrachtet nutzlos. 

Ich erinnerte mich daran, wie damals bei der Verleihung der Abiturzeugnisse ein Mitschüler meine Studienabsichten kommentiert hatte: “Was, Europastudien? So ein Orchideenfach – sei nicht blöd, mit deinem Schnitt könntest du auch Jura studieren!“

Über den Spruch habe ich mich damals schon geärgert. Der Begriff stammt natürlich aus Zeiten, in denen „Töchter aus gutem Hause“ in erster Linie für die Heirat vorbereitet wurden und nebenbei eben interessante Hobbies pflegen (Orchideen züchten?!) und unterhaltsame Gesprächspartnerinnen abgeben sollten.

Aber in meinem Bewerbungsfrust dachte ich verbittert, dass er wahrscheinlich Recht gehabt hatte. In Sachen Weltverbesserung, verantwortungsvolle Position in einer NGO oder Einstieg in eine spannende internationale Karriere wäre Jura doch die klügere Wahl gewesen. Ich hasste mich irgendwann geradezu dafür, dem weiblichen Klischees entsprechend in die “Was-mit-Sprachen-Kultur-und-Medien“- Falle getappt zu sein anstatt doch etwas “Vernünftiges” studiert zu haben. Meine Eltern sind keine Akademiker und haben mir nie Vorschriften gemacht, was ich studieren sollte. Obwohl es sicher nicht ihre Absicht war und sie versuchten, mir keine Vorwürfe zu machen, hatte ich während der Bewerbungszeit oft das Gefühl, sie dachten sich insgeheim dasselbe. Jetzt blieb mir wohl nix mehr anderes übrig, als mir einen Ölscheich, Hedgefonds-Manager oder Waffenhändler zu angeln, der mir mein zartes Orchideendasein finanzieren würde. Selber schuld.

Der absolute Tiefpunkt war erreicht, als ich in meinem Geburtsort, einer bayerischen Kleinstadt, an die Agentur für Arbeit geriet. Ich bekam noch vor dem ersten Beratungsgespräch gleich einen Stellenvorschlag: “Beraterin für Arbeitssuchende”. Im Nachhinein finde ich das eigentlich lustig. “Sie sind arbeitslos? Beraten Sie doch andere Leute, wie man eine Arbeit findet!” Bei meinem Termin in der Agentur für Arbeit fragte ich den zuständigen Sachbearbeiter, warum er denn der Meinung wäre ich sei für diese Stelle geeignet. Er sah mich freundlich an und meinte dann väterlich-zwinkernd: “Naja, sie haben doch einen Uni-Abschluss – oder etwa nicht?” 

Um es kurz zu machen: Ich habe doch etwas gefunden. Im zweiten Anlauf. Meinen ersten Job als Junior Projekt Managerin bei einer Agentur habe ich noch in der Probezeit gekündigt, mittlerweile bin ich im Bereich Social Media /Öffentlichkeitsarbeit im Öffentlichen Dienst angekommen.

Meinen akademischen Werdegang bereue ich nicht (mehr) –  interdisziplinäres Denken, die Fähigkeit mich in neue Themen schnell einzuarbeiten, in komplexen Zusammenhängen zu denken, schriftlich präzise zu argumentieren und Vieles mehr habe ich dem Studium zu verdanken. Meine aktuelle Arbeitsstelle aber, meiner Einschätzung nach, nicht unbedingt. Etwas auf die Spitze getrieben würde meine These lauten: Geisteswissenschaftler*innen werden oft nicht wegen, sondern trotz ihres Studiums eingestellt. Sie sind, wenn sie denn die passende Stelle gefunden haben, oft sehr motiviert und geeignet – aber das können viele Arbeitgeber (immer noch) vorher nicht abschätzen. In meinem Fall war, glaube ich, vor allem mein Portfolio an praktischer Erfahrung ausschlaggebend: Freie Mitarbeit bei Lokalzeitungen, Werkstudentin in der Onlinekommunikation bei einem Industrieunternehmen, Ehrenamt, usw. Das klingt vielleicht etwas bitter, soll aber eher eine Ermutigung sein: Nutzt die Zeit. Macht neben dem Studium etwas, das in einem Zusammenhang steht mit dem, was ihr später machen wollt!

Gerade unter Ethnolog*innen habe ich oft den Eindruck, dass Kritik an Machtstrukturen im Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ein so zentraler Bestandteil des Studiums ist, dass die Konfrontation mit dem Arbeitsmarkt fast unvermeidlich eine persönliche Krise auslöst. Trotzdem finde ich nicht, dass die Ausrichtung solcher Studiengänge geändert werden sollte. Es ist vielmehr so, dass wir, die Absolvent*innen, einen ziemlich langen Atem brauchen. Sich im Studium eine kritische, multiperspektivische Sicht auf die Welt zu erarbeiten ist eine Herausforderung. Aber danach noch in der Lage zu sein, Kompromisse zwischen den eigenen idealistischen Ansprüchen, der monatliche fälligen Miete und den real vorhandenen Möglichkeiten zu finden – das ist dann quasi summa con laude. Genau deshalb sind Geisteswissenschaften eben keine Orchideenfächer für die zarten Pflänzchen. Wir, die wir Ethnologie, Kunstgeschichte, Theaterwissenschaft, Linguistik oder Sinologie studiert haben, sind eher wie Unkraut: Anpassungsfähig, robust und in der Lage, auch unter widrigen Bedingungen nach Nischen zu suchen. Sobald wir dann endlich Wurzeln geschlagen haben, können wir die bestehende Ordnung im Garten infrage stellen und Anderen den Boden bereiten.